Laudatio Hans Linnartz

7. September 2019, Hofgut Mapprach

 

Preisträgerin Daniela Dolci

Sehr geehrte Damen und Herren

Kein geringerer als Goethe schrieb: „Ein Kranz ist gar viel leichter binden, als ihm ein würdig Haupt zu finden.“

Daniela Dolci ist so ein würdiges Haupt. Es ist eine Ehre und eine Freude, diese besondere Persönlichkeit etwas eingehender vorzustellen; obwohl sie kaum noch eine Introduktion braucht. In Sizilien geboren, Cembalo Studium an der Schola Cantorum Basiliensis, Schweiz und Gustav Leonhardt (Amsterdam, Niederlande), Ehe mit Dr. Peter Reidemeister, drei Töchter, die mittlerweile erwachsen sind, sodass Daniela mehr Zeit hatte, ihre grundlegende Arbeit im Bereich Forschung und Entwicklung weiter zu intensivieren. Ihr Mann, langjähriger Leiter und Inspirator der SCB, führte als Motto für die Organisation seiner weltberühmten und einflussreichen Hochschule für Alte Musik: Forschung ohne Praxis ist eitel, Praxis ohne Forschung ist Blödsinn. In über dreißig Jahren hat Daniela Dolci genau das beherzigt, berücksichtigt und gestaltet. Sie empfängt heute von der Kulturstiftung Pro Europa eine Auszeichnung für ihre Forschungs- und Darstellungsarbeit in der Alten Musik in Europa, die mit diesem Preis ihre wertvollen Zielsetzungen im musikalischen Bereich, u.a. für ihr Projekt ‚Europa’ mit Musica Fiorita, würdigt.

Europa. Ich kann dieses Wort angesichts der politischen Manipulationen und Entwicklungen der letzten Zeit, kaum noch hören, ohne durch ein Gefühl von Machtlosigkeit, unerwünschtem Chaos und Verwirrung benommen zu werden. Ehrliche und sinnvolle Kommunikation über ein zu bildendes Europa fehlt, Wahrheit ist auf non-active gestellt und Solidarität ist zur lügnerischen Maske degradiert. Gut für Ansprachen, aber offenbar ausgesprochen unerwünscht in der Realität. Europa ist eine Farce, hat keine Zukunft und hört sich wie eine schlechte Oper an.

Doch dann ist da auf einmal eine musikalische Europa-Auszeichnung, ein Signal von einer sehr respektablen Stiftung, das uns wie Musik in den Ohren klingt. Natürlich wird es kein Europa geben, so, wie viele Politiker es gerne hätten. Dauerhafte Konfrontation mit nationalistischen Egoismen führten ins aktuelle Labyrinth und in eine immer unsicherer werdende Zukunft. Ehrlicher und gesunder Idealismus ist jedoch immer eine Stimulanz zum Guten.

Eine Annäherung der Europäischen Künste zu einem imposanten Gebäude von unterschiedlichen und vielfarbigen nationalen Werten hat nicht nur eine Zukunft, sondern war und ist mitbestimmend für ein Europa und dessen Zukunft, das es schon gibt, und zwar massiv und kräftig. André Campra konnte noch sprechen von und spielen mit „L’Europe Galante“, heute könnte man sich besser fragen, wie es mit der von hunderten Malern erfassten „Entführung oder Raub von Europa“ (u.a. Rembrandt) steht.
Die Zukunft eines historisch und kulturell reichen Kontinents wird u.a. unterstützt durch Forschung und Sichtbarmachung seiner Vergangenheit. Es unterstützt damit auch die Zukunft. So wirkt auch die Arbeit von Daniela Dolci.

Aber was heute von „Pro Europa“ ausgezeichnet wird, ist nicht so sehr ein besonderes Vorgehen, ein umwerfendes Resultat oder eine überraschende Aktion, sondern eher eine spezifische Mentalität, die selten geworden ist und Aufmerksamkeit und Lob verdient. Eine Mentalität, welche die Basis ist von leidenschaftlichem Forschen und inspirierendem Aufführen. So eine Mentalität hat Daniela Dolci und entsprechendes Lob verdient sie für das, was sie damit zustande gebracht hat. Denn, stellen Sie sich mal vor: Über dreißig Jahre lang scheinbar unermüdlich tätig zu suchen, zu investieren und zu organisieren, was alte, manchmal vergessene Partituren und Traktate uns an wertvollem Musikalischen und – nicht zu vergessen – Alltäglichem zu sagen haben. Das ist Arbeit für ein kulturell und intentionell zusammenhängendes Europa. Denn es lässt deutlich sehen, wie sehr die europäische Musikgeschichte ein Spiegel der Entwicklung der kulturellen Verbundenheit Europas ist.

Daniela Dolci ist das Herz, der Motor und die praktische Leiterin der Musica Fiorita-Projekte. Zuständig für Konzept, Forschung, Zusammenstellung und Organisation dieser kulturell wichtigen Forschungsthemen. Sie gehört nicht zu denjenigen, für die es wichtiger ist, bedeutungvoll zu scheinen, statt es wirklich zu sein. Sie ist in ihrer Arbeit authentisch und transparent. Dabei bekommt sie mit immer mehr Erfahrung entsprechend immer mehr Bedeutung.

Sie besuchte Bibliotheken in Venedig, Basel, Berlin, Neapel, Krakau, Bologna, Aarau, München, Prag, Zürich, Karlsruhe, Wien, Paris, Modena, Uri, Danzig, Regensburg, u.a. Und es waren alles andere als Ferienreisen.
Sie hat uns in Wort und Klang auf viele schon bekannte Komponisten/Innen, aber vor allem auch auf viele völlig unbekannte, aber nicht unwichtige Vertreter und Vertreterinnen der musikalische Praxis von damals, wie z.B. Barbara Strozzi, Camilla de Rossi, Geminiano Giacomelli, Giacomo Perti, Domenico Zanatta, Baldassare Vialardo, Johann Gletle, Elisabeth-Claude Jaquet de la Guerre, Andreas Hakenberger u.a. aufmerksam gemacht. Eine riesige Arbeit, welche uns Einsicht gibt in eine vielfarbige Palette von Stilen, Idiomen, Namen von Musiker/Innen und „last but not least“ Partituren, die vielleicht nicht alle genial oder Meisterwerke sind, aber alle wesentlich beitragen zur Aktualisierung unseres heutigen Bildes von früher. Und das alles gleichzeitig aus der festen Überzeugung, dass Frauen und Männer in Bezug auf musikalische Kreativität von damals gleichwertig waren, genauso wie heute.

Zu ihrer Arbeit gehören die immense Organisation vieler, mittels Aufführungen aktualisierten Partituren, die Vorbereitung der Vokal- und Instrumentalstimmen, die verantwortliche Besetzung der Musiker/Innen und eine effektive künstlerische Zusammenarbeit.

Das alles gehörte und gehört noch immer zu den sich selbst auferlegten Aufgaben von Frau Dolci als ständige Projektleiterin und Chef d‘Orchestre eines Ensembles, welches immer mehr die Aufmerksamkeit und das Lob bekommt, das es verdient. Daniela Dolci und Musica Fiorita sind in der Szene der Alten Musik nicht mehr wegzudenken, sie sind ein Begriff geworden, spannend durch ein außerordentlich diverses Repertoire und der Mitarbeit von Musiker/Innen vieler Nationalitäten.
Um einen komplizierten, noch teilweise in Nebel gehüllten, aber verführerischen und aufdringlichen Traum zu realisieren, braucht es Glaube, Mut, Energie, Ausdauer, Fachkenntnis, Überzeugungskraft, organisatorische Effizienz, jede Menge Neugier. Und Liebe. Liebe für das Projekt und für alle, die dabei mitmachen. Ohne sie gäbe es keine Einheit, die auch ein schöner Traum braucht, um ein Traum zu sein und kein Alptraum. Es gibt viele Leute, die mehrere dieser Eigenschaften besitzen. Aber ganz wenige, die sie alle haben. Natürlich muss man zuerst diesen Traum haben. Manchmal scheint ein Traum unmöglich, aber durch das Realisieren des Unmöglichen wird das Unmögliche möglich. Und ein solcher Traum wird Wirklichkeit, wenn man ihm ein Leben bedingungslos widmet.

Daniela Dolci hatte diesen Traum, um durch Forschung in Bibliotheken und Nachlässen, vergessene Werke wieder zu entdecken, mit einem Schwerpunkt auf Komponistinnen der Barockzeit, und diese nach umfangreicher Analyse, mit immer wiederkehrenden organisatorischen Spitzenleistungen in Aufführungen zum Leben zu bringen. Gefühlvoll und lebendig. So schrieb Reinmar Wagner in der Basellandschaftlichen Zeitung, anlässlich der kürzlich aufgeführten Oper „Didone abbandonata“ von Niccoló Jommelli: „Genug Emotionalität also, um sie herzerweichend auf dem großen Laufsteg der Gefühle auszudrücken“. Aufführungen mit viel Herz, viel Gefühl und voll dramatischer Emotionalität.

Sie hat angefangen und war nicht mehr zu bremsen. Sie hat eine große, zuverlässige und schließlich vertraute Gruppe Musiker/Innen um sich versammelt, Musica Fiorita, die durch Ausbildung und Freundschaft gegenseitig ihre musikalische Sprache verstehen und mittlerweile einen großen internationalen Ruf genießen.

Und da kamen sie, die vielen Projekte, die Partituren, die Aufführungen, die in bis jetzt immer zunehmendem Masse Aufmerksamkeit verdienen und bekommen. Ich weiß, wie schwierig es ist, bei jedem neuen Projekt die richtigen Vokalisten/Innen und die übrigen Musiker/Innen zusammen zu bringen, und die damit eng zusammenhängenden organisatorischen Schwierigkeiten selber zu definieren und letztendlich zu lösen. Sie selbst übernimmt – so wie es früher üblich war – vom Cembalo aus die Leitung/das Dirigat und so entstand über 30 Jahre ein beachtenswertes Repertoire an aufgeführten und registrierten Partituren von Opern, Messen, Instrumental-Kompositionen und anderen barocken musikalischen Formen.

Ein glänzendes Spektrum der besonderen Barockmusik – dank einer besonderen Frau, Daniela Dolci.

 
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