Laudatio Dr. Rolf Soiron

Laudator Dr. Rolf Soiron …
… Dr. Rolf Soiron könnte man als Wanderer IN den Welten – nicht ZWISCHEN – den Welten bezeichnen: IN den Welten der Wirtschaft (zuletzt als mehrfacher Verwaltungsratspräsident), IN der wissenschaftlichen Lehre (als Präsident des Basler Universitätsrats), IN der humanitären Arbeit (als Mitglied des Rates des Internationalen Roten Kreuzes).
Rolf Soiron wohnte früher einmal in Riehen und stimmte in einer Debatte der Gemeinde Executive dafür, dass auf dem Areal, auf dem wir heute stehen, KEIN Museum, sondern ein Schwimmbad entstehen sollte – allerdings von Herzog & deMeuron!

Er ist in seinem – von den verschiedenen Welten geprägten – Denken dafür, den Widerspruch DASEIN zu lassen. Auch Europa ist ja voller Widersprüche. Herr Soiron!

 

Preisträger Hansjörg Wyss

Lieber Hansjörg,
Ich bin ziemlich sicher, Du erinnerst Dich an unser erstes Treffen, vor immerhin fast vierzig Jahren, im etwas schäbigen alten Bahnhofbuffet Bern. Die Stimmung zwischen uns war alles andere als gelöst und hätte es ein Tischtuch gehabt – es wäre zerschnitten gewesen, wie man sagt. Denn ich vertrat eine Seite, der es nicht behagte, dass ein Nicht-Arzt Mitbesitzer der amerikanischen Synthes war, wir waren mit den Umsätzen unserer Produkte unzufrieden, und Du hattest Differenzen mit Mitarbeitern, die uns nahestanden. Aber,

meine Damen und Herren,
klar war schon damals, dass Hansjörg die Synthes nicht nur energisch führte, sondern auch erfolgreich. Doch was diese unvertraute Mischung aus Berner Kantigkeit und den weiten Horizonten des Wilden Westens in den Jahren, die vor uns lagen, schliesslich erreichen würde, war beim besten Willen nicht abzusehen – und auch er wusste das wohl nicht, so wie er nicht wusste, dass aus uns Kollegen und Freunde werden würden; die Idee, dass ich dereinst eine Laudatio auf ihn halten würde, wäre ihm damals ziemlich abstrus vorgekommen, vielleicht gar wie ein Albtraum. So ändern sich die Zeiten, und wir mit ihnen…

… und nun wissen wir, was aus dem Buben aus dem Mietshaus wurde, der sein Zimmer mit den Schwestern teilte, dessen Gymi-Laufbahn alles andere als brillant war, der zwar Tiefbau studierte, aber nie ausüben wollte, den Zahlen nicht interessierten, und der schliesslich von sich sagen würde, er habe halt einfach Glück gehabt – was ich dann doch etwas kokettierend finde. Ja, heute wissen wir, was daraus wurde, aber lange kannte ihn niemand, ausser den spezialisierten Ärzten, die seine Implantate und Instrumente brauchten, vielleicht eine Handvoll Fluglotsen zwischen Bangor, Gander, Shannon, auch seines Akzentes wegen, dazu ein paar Rangers drüben und Bergführer hier. Weit herum und wirklich sichtbar wurde er erst, als er schon lange zum Spitzenunternehmer von Weltformat geworden war, der – nicht allein, aber massgeblich – sein Unternehmen aus dem Nichts zum weltweiten Spitzenreiter der Branche gemacht hatte, und sich zum reichen Mann, einem Reichen aber, dessen Ansehen bemerkenswerterweise weiter und weiter wuchs und weiter wächst! Nicht, weil der berglerische Berner zum pflegeleichten Sonnyboy geworden wäre, das weissgott nicht; es hat auch keine PR-Maschine einen Avatar geschaffen, den plötzlich alle lieben. Aber hier ist eben – nicht zum ersten Mal, sondern wieder einmal einer, der aus seinem Geld nicht einfach noch mehr Geld macht, sondern Sinn.

Hansjörg und das Geld – einer seiner Widersprüche, unter anderen. Auf der einen Seite nimmt er die U-Bahn, weil das Taxi zu teuer ist, weiss beim Einkauf Senioren-Rabatte durchaus zu nutzen, und wartet mit der Ausfahrt aus Tiefgaragen, wenn der Tarif der nächsten Stunde billiger wird. Auf der anderen Seite: Wenn es Sinn macht, dann fliessen auch Millionen, einstellig, zweistellig, dreistellig – summa summarum sogar mehr. Aber nicht allein in Mega-Projekte, die alle sehen, sondern eben auch zu jungen Musikern, die niemand kennt, für eine sonst unerschwingliche Krebsbehandlung, inkl. Transport in seinem Jet, oder zu einem mobilen Zahnarzt in Ostafrika. Vielleicht hallt da auch ein wenig nach, dass seine Mutter einmal sagte, so arbeiten könne niemand, um so viel zu verdienen … Sei es wie es sei: Geld zu verdienen war nie sein wirkliches Problem; es auszugeben hingegen schon.

Er, der hinter den sieben Geleisen aufwuchs, lebt längst anders und anderswo, letzteres im Plural. Immer wieder in Lauenen, auch Prangins, in Philadelphia, aber eben auch in Arizona und in Kalifornien, im Wyoming und auf Martha’s Vineyard. Ich war an einigen dieser Orte, weiss aber nicht, ob die Wände dieser Häusersammlung genügen, alle seine Ehrenurkunden aufzuhängen, die er bekam, den Robert-Marshall-Preis, den der Harvard- Absolventen, die Mitgliedschaft der Academy of Science, den Häuptlingsstab der Massai und die doktoralen Ehren-Hüte, Awards und Lorbeerkränze, dazu die gerahmten Bilder all dieser Zeremonien, von Präsidenten und Ministern persönlich unterschrieben, Nobelpreisträgern, Rektoren und Leuchttürmen aller Art beidseits des Atlantiks. Könnte diese Sammlung sprechen, würden sie berichten, dass Fakultäten, Labors, Forschungsinitiativen sich dank seinen Mitteln bewegen, wie sie es ohne ihn nicht könnten – zum Einen – und zum anderen, wie er Abertausende von Hektaren, voller Schönheiten der Natur, vor Spekulation und Zerstörung geschützt hat, indem er sie kurzerhand erworben hat, aber auch gezielten Einfluss auf Meinungs- und Entscheidungsbildung nahm. All das beidseits des Atlantiks, und auch südlich des Rio Grande.

Heute verleihen wir ihm wieder einen Preis. Er führt in seinem Titel weder Wilderness noch Wissenschaft, sondern «Kultur» und «Europa». Das hat gute Gründe. Denn so sehr Hansjörg amerikanisch wirkt und wirkte und zum Amerikaner wurde – in ihm steckt auch sehr Europäisches.

Das Erste: Der Drang, das Bedürfnis, die Sucht, sich zu messen. Es tönt anekdotisch, illustrieren das aber gut: Wo ich ihn an Sitzungen, an Tagungen, Treffen erlebte – irgendwann verschwand er für eine Runde Tennis mit ein paar Kollegen, für ein paar Löcher Golf, eine Runde auf der Loipe oder auf Roller blades. Natürlich ging’s dabei um Fitness. Aber eben auch um mehr: Nämlich ums Kräftemessen mit Seinesgleichen, ums Vergleichen und ums Sichergehen, was man ist und kann, so wie schon der Berner Giel Skirennen fuhr und sich zum Fussballfeld durch Dornenbüsche zwängte. Nicht weil er dort Geld verdienen wollte, sondern – Zitat – «gut sein» wollte.

Das ist nicht banal und hat sehr wohl mit Europa zu tun. Historiker, Philosophen, Soziologen, die sich – einst – für so was interessierten, nannten es «Agonismus» vom griechischen Wort «αγων» für Wettkampf. Mich hat – noch einmal Jahrzehnte vor dem Bahnhofbuffet Bern – unser alter Griechisch-Lehrer dafür sensibilisiert, als er vom Helden Achilles erzählte, der sich permanent mit Anderen mass, um sicher zu sein, dass er der Beste bliebe; dieses Sich-Messen sei zum Selbstverständnis der Eliten der freien Griechenstädte geworden, nicht des Siegs der Einzelnen wegen, sondern weil dieser Wettkampf die Polis als Ganzes vorwärts brachte. Die Wettkämpfe von Olympia bis nach Korinth ritualisierten das. Schliesslich die Konklusion unseres Lehrers damals: Dieser «Agonismus» sei Erbstück und Treiber der freien, selbstverantwortlichen Lebensweise und Leistungskultur Europas – und ich sehe Hansjörg, wie er aus der Form eines Schraubenkopfes und der Schärfe eines Gewindes Staatsaffären machen konnte. Nichts durfte besser sein. Weil eben nur das Beste etwas bringt, und was das Beste ist, findet man nur heraus, indem man es vergleicht. Nur so kommen Teams und Firmen weiter. Würde Hansjörg, der Agnostiker, ein Credo formulieren, diese Lebenssicht, die einst in Europa wuchs, stünde drin. Europa täte gut, sich an sie zu erinnern.

In diesem virtuellen Credo stünde aber auch, dass man von dem, was man mehr hat als andere, an die Gesellschaft zurückzugeben hat. Sicher würde der Auswanderer Hansjörg dabei Thomas Jefferson zitieren. Mit Recht. Aber der Gedanke ist auch europäisches Erbe. Denn a) war es für die Eliten unseres Kontinentes immer wieder selbstverständlich, nicht nur privilegiert zu sein, sondern auch mitverantwortlich. Gewiss, die Taschen füllten sie sich durchaus, aber sie griffen dann auch hinein. Auch – und das ist Punkt b) – für das, was die öffentlichen Institutionen übersahen: Für Kunst und Künstler, Wissen und Wissenschaft, Not und Bedürftige. Inzwischen haben auch andere als die europäischen Eliten das übernommen. Aber es sagt eben etwas, dass der, der dieser Suspecies des Homo affluens den Namen gab, ein Europäer war, Gaius Cilnius Maecenas, der – schon er – ohne Zwang Ländereien erwarb, um sie vor dem Wachstum der Stadt zu schützen, der junge Dichter förderte, die niemand kannte, Architekten, Bildhauer, usw. Ohne unabhängige, nur sich, ihren Grundsätzen und ihrem Geschmack verantwortlichen Mäzene – Erfindung Europas – wäre damals wie heute vieles politisch zwar korrekt, aber ärmer, öder, unfruchtbarer. Und auch dieses Haus würde und könnte trotz aller Arbeit und trotz allen Genies des anderen Preisträgers von heute, Sam Keller, ohne Mäzene wie Beyeler und Wyss nicht so blühen, wie es tut und uns gefällt. Nichts weniger ist das zweite Signal der Preisverleihung an Hansjörg Wyss: Kultur – inkl. Wissen – sind zu wichtig, um sie den Institutionen des Staats allein zu überlassen.

Und noch eine Banalität: Die Schweiz gehört zu Europa. Gewiss, auf unsere Weise. Aber: Wir gehören dazu. Nietzsche ist wohl nicht Wyssens Bettlektüre, aber wie dieser andere Unangepasste ärgert sich auch Hansjörg, dem trotz der amerikanischen Weite sein Ursprung nicht gleichgültig wurde, auch über die «atavistischen Anfälle von Vaterländerei und Schollenkleberei», die Nietzsche enervierte und Rückkehr zur Vernunft fordern liess. Hier liegt ein dritter Grund der Preisverleihung. Denn genau das fordert auch Hansjörg von seiner Heimat, wenn sie von Europa spricht, und wieder bleibt es nicht beim wohlfeilen Lippenbekenntnis, sondern wieder lässt er es sich etwas kosten.

Der Geehrte ist nicht pflegeleicht, das sagte ich, und seine Widersprüche werden offensichtlicher, je besser man ihn kennt. Dazu gehört die Spannung zwischen seinem positiven Optimismus auf der einen Seite und dem totalen Mangel an Naivität und Illusionen auf der anderen. Er sieht, wie der Gang der Dinge in ziemlich falsche Richtungen geht und tut dennoch, was er kann, für Natur, Kultur, Gerechtigkeit, Fairness. In seinem schon zitierten, Credo, das nie geschrieben wird, stünden halt auch: «Das System kannst Du nicht ändern.» Vielleicht hätten wir das gesehen, hätte Giacometti ihn porträtiert, wie eine Freundin das einst vorschlug. Das Bild trüge vielleicht den Titel «Sisyphos». Auch der stemmte ja seinen Stein immer wieder hoch, obwohl er wusste, oben angekommen, würde er wieder hinunterrollen, eins ums andere Mal. Doch was Camus sagte, gilt eben nicht nur für Sisyphos: Der litt nicht an seiner Tragik, sondern war glücklich – weil er eine Aufgabe hatte, die ihm gefiel. Das ist europäisch – und es beschreibt, was Hansjörg tut und ist, und wofür er den Preis bekommt.

Einen letzten Grund der Ehre heute sollten wir nicht vergessen, denn auch er gehört zur Kultur: Es gehört sich einfach, dass man dankt. Darum, Hansjörg, ganz einfach: Danke! Besonders für Deine Treue Deinem Freund Ernst Beyeler und diesem Hause gegenüber. Unsere Welt wäre ärmer – und langweiliger – ohne Dich.

 
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