Laudatio Dr. Andreas Spillmann

Laudator Dr. Andreas Spillmann …
… ist Direktor des Schweizerischen Nationalmuseums seit dessen Gründung im Jahr 2011. Als Schauspieler und Ökonom – was für eine Kombination -: Kaufmännischer Direktor des Schauspielhauses Zürich, Kulturchef der Stadt Basel (hier das Zusammentreffen mit Sam Keller) und schliesslich als Museumsmann hat er seit über 20 Jahren die Schweiz als Teil des Kulturraums Europa portraitiert. Den Neubau des Landesmuseums in Zürich eröffnete er 2016 zum Beispiel mit der Ausstellung „Europa in der Renaissance“.

«Kultur geht nicht nur an den Landesgrenzen entlang,» sagt er. „Museen bieten Geschichten an, denen keine Grenzen gesetzt sind.“ Herr Spillmann!

 

Preisträger Sam Keller

Wie ich vernommen habe, dass Ernst Beyeler für sein Museum einen Nachfolger sucht, und er sich hierfür Sam Keller wünsche, war ich beeindruckt – von beiden! Ich wusste damals noch nicht, welcher der zwei mich mehr beeindrucken sollte. Ernst Beyeler, der 86jährige, der eines der weltweit schönsten Kunstmuseen von Renzo Piano bauen liess für seine ausserordentliche, von ihm aufgebaute Kunstsammlung – aus dem Nichts, ohne eigenes Kapital oder familiäre Förderung. Dieser Mann wünscht nun diesen Schatz in die Hände von Sam Keller zu übergeben, dem 41jährigen aus Basel, der noch nie ein Museum leitete, geschweige denn je ein Objekt inventarisiert hat. Die Fondation Beyeler hatte – eines Tages ohne Hildy und Ernst Beyeler – viel zu verlieren, die zwei kamen von so weit her und erreichten dermassen viel. Und nun also vertrauten sie einmal mehr vollauf ihrem Instinkt – einem Bauchgefühl und keinem Assessment mit Empfehlungen aus dem Haus der Headhunter Johannsson oder Zehnder. Dieser Mut beeindruckte mich enorm.
Aber ganz im Innersten noch etwas mehr faszinierte mich die Waghalsigkeit dieses jungen Mannes, Sam Keller, Ernst Beyelers Nachfolge anzutreten. Und wie klug trat er diese Nachfolge an. Das gefiel mir bald über alle Massen.
Wie viele an seiner Stelle hätten geglaubt, sich von Ernst Beyeler bald abgrenzen zu müssen, sich emanzipiert zu präsentieren und den so genannten Generationenwechsel zu vollführen. Sam Kellers Ausstellungsprogramm zeigte aber unbeeindruckt weiterhin traumhaft ausgewählte Rückblicke auf Giacometti, Gauguin, Klee, Bonnard oder die russische Avantgarde um Malewitsch. Andere wiederum hätten aufgrund zu grossen Respekts versucht, Ernst Beyeler nachzuahmen. Sam Kellers Ausstellungsprogramm präsentierte hingegen bald auch Jean-Michel Basquiat, Peter Doig, Wolfgang Tillmanns und Roni Horn. Sam Keller war mutig (er modernisierte nicht und er kopierte auch nicht). Er führt das Haus, er führt das Team und führt sein Publikum gar nicht übereilt, aber gleichwohl Schritt für Schritt in die Gegenwart. Er hat vermutlich bis heute gar nie vorgehabt, Ernst Beyelers Ära eine neue Ära folgen zu lassen. Und genau so kann aber eine neue entstehen.

Natürlich darf man sich da, als einer seiner vielen Kollegen, etwas Neid zugestehen. Wie macht der Sam das denn?! Hat er einfach Glück?

Im Jahr 2000 übernimmt er die Leitung der Art Basel von Lorenzo Rudolf, und wir erinnern uns, für das Jahr 2001 ist die erste Kunstmesse der Art Basel in Miami Beach geplant. Die Erwartungen sind hoch und selbstredend ist der Erfolgsdruck beträchtlich. Die Messe muss gleich im ersten Jahr glücken. Einen halbherzigen Messestart würden ihm die viel eigenes Geld in die Hand nehmenden Galeristen aus Europa, Asien, Nord- und Lateinamerika nicht verzeihen. Galeristen sind Geschäftsleute und keine Kunsthistoriker in subventionierten Museen. Dementsprechend angespannt laufen die Vorbereitungen in Florida und in Basel. Und dann das Drama vom 11. September, Sicherheitsbedenken aus den USA, und kurz vor der Eröffnung muss die im Detail und sorgfältig ausgearbeitete Messe abgesagt werden. «Glück»? Die Worte «Pech» und «Katastrophe» bezeichnen die Situation treffender. Aber so wollte Sam Keller die Situation nicht einschätzen. Man habe bereits viel dazugelernt, viel Nützliches und Wertvolles erfahren, dass das Einstiegsinvestment in keiner Weise abzuschreiben sei. Und mit der ganzen ihm zur Verfügung stehenden Kraft und Energie legt er ein zweites Mal das Fundament für die Art Basel in Miami Beach, dass sie zu einer der bedeutendsten Kunstmesse des amerikanischen Kontinents werden konnte. Da steckte Arbeit, harte Arbeit, dahinter.
Die Glücksthese scheint mir also etwas unpräzise zu sein. Auch angesichts einer Erinnerung an Sam Keller, die gar nicht sehr weit zurückliegt. Da war diese Podiumsdiskussion zur Fragestellung «Welches Kunstmuseen wollen wir?». Es diskutieren Chris Dercon, ehemals Tate Modern, Lukas Gloor, Direktor der Stiftung Sammlung Emil Georg Bührle und eben Sam Keller. Chris Dercon bekennt sich umgehend zum Museum der Partizipation und der Teilhabe, «die jungen Leute», so Chris Dercon, «wollen heute selber entscheiden, warum sie im Museum sind, was sie dort sehen und was sie dort tun wollen». Der Kunsthistoriker Gloor hält ihm entgegen, «Museen sollen mit ihrer «Fest-Architektur» für das gemeinschaftliche Erleben nicht ins 19. Jahrhundert zurückfallen». Museumsräume seien für das Kuratieren von Kunstausstellungen zu bauen, die eine eigene und individuelle Kontemplation zulassen sollen!
Und der Standpunkt von Sam Keller? Er lässt beide Positionen gelten. Das Wichtigste für ein Kunstmuseum sei erst einmal seine Sammlung. Die Besucherinnen und Besucher seien nun aber unterschiedlich und haben demzufolge auch unterschiedliche Erwartungen an einen Museumsbesuch. Ein Museum sei eben – so Sam Keller – nicht nur ein Ort für Objekte, sondern auch für Menschen – unter-schiedliche Menschen, mit unterschiedlichen Vorstellungen zu gemeinschaftlichem Erleben. Man soll doch nicht nach einem Typus des künftigen Museums, nach dessen Wesenheit und nach dem einen wahren Charakter fragen. Das mache keinen Sinn. Es brauche doch vielmehr die Differenz – die Vielfalt von Museen. Die Museen und ihre Ausstellungskuratorinnen und -kuratoren sollen doch voneinander abweichende Ansätze und Konzepte formulieren, verfolgen und ausprobieren. Da war sie wieder, diese freundliche und ganz und gar uneitle Redlichkeit seiner Argumente – diese Aufrichtigkeit und Loyalität seiner Fondation Beyeler gegenüber und zugleich gegenüber der Museumslandschaft um ihn herum.

Wo hat er das gelernt? An einer Elite-Schule? War er in Yale? Hat er Psychologie studiert? Oder eine mehrjährige Psychoanalyse durchlaufen? Nichts davon wäre mir bekannt. Sam Keller erlernte seinen heutigen Beruf, indem er in seinem ersten Jahrzehnt nach dem Schulabschluss besonders viel Spass gehabt zu haben scheint. Wie er selbst sagt. Ohne konkretes Ziel und eher planlos. Anstatt sich auf eines der Gleise einer unserer tertiären Bildungsinstitutionen zu stellen und loszubrausen, überquerte er lieber diese Gleise, quer zur Fahrtrichtung und eins ums andere. Unvorsichtig? Sicherlich, aber unbesonnen? Das glaube ich nicht. Im Unterschied zu vielen Altersgenossen hat er einfach keinen «Lebensplan». Er reist viel herum, lernt vieles und viele kennen, auch Sprachen, gewinnt Freunde, gewinnt Judith, wird Vater; unsystematisch und konfus war das nur dem Anschein nach, im Herzen wusste er, was er will.

Vielleicht ist es das, meine Damen und Herren, was mich persönlich an Sam Keller immer beeindruckt hat. Die leidenschaftliche Entschlossenheit etwas ausprobieren zu wollen, noch ohne wirklich zu wissen, wo das hinführt. Das geht nicht ohne einen gewissen Forschungstrieb. Und das geht nicht ohne einiges an Zivilcourage. Wer wagte es denn, auf den sicheren Universitätsabschluss zu verzichten? Viele von uns waren es nicht, die es sich ohne PhD, Doktortitel, MBA oder zumindest Lizentiatsabschluss erlaubten, sich auf den Weg zu machen. Er sehr wohl und wurde zur Anomalie. In seiner Welt ist er eine Ausnahmeerscheinung. Die Rituale im Kreis der Kunst, Künstler und Kunstsammler kennt er wie kein Zweiter und bleibt doch stets sich selbst – humorvoll, höflich, Ressourcen fordernd, interessiert am Gegenüber, nie nur eine Spur von Untertänigkeit und stets respektvoll und fröhlich. Nicht die Konvention, sondern seine Person machte ihn u.a. auch zum Mitglied der Commission d’acquisitions du Musée d’Orsey, des Comitato Scientifico Galleria d’Arte Moderna Bologna, des Conseil d’administration du Palais de Tokyo oder der ChinaWorldBasel Shanghai.

«Ich bin nicht ein Urheber – ich bin ein Sender»; ein Satz, der von Sam Keller sein könnte, aber nicht von ihm ist. Auch nicht von einem Amerikaner, nicht von einem Europäer, sondern von einem Asiaten.
Unsere Helden des Abendlandes sind die Voltaires, die Brown und Boveris, die Duchamps, Derridas und die Steve Jobs. Hand aufs Herz, kaum jemand aus unserer Kultur träumt davon, ein Sender zu werden – ein Urheber hingegen sehr wohl. Ein Erneuerer, der ein Werk hinterlässt, ein eigenes Werk, das sich absetzt von der jeweiligen Vater-Generation. Nicht so verhält sich Sam Keller – ihm sind eher asiatische Tugenden zuzuschreiben. Der Satz «Ich bin nicht ein Urheber – ich bin ein Sender» stammt im Übrigen von Konfuzius, demjenigen Gelehrten, der den Alltag der asiatischen Gesellschaften in China, Japan, Korea oder Singapur seit weit über 2.000 Jahren prägt. Ein gutes Leben in konfuzianischem Sinne führen diejenigen, die vier Grundtugenden befolgen: Diejenige der Mitmenschlichkeit und der Gerechtigkeit, diejenige des Einhaltens von Ritualen und schliesslich die Tugend der kindlichen Pietät. Gemeint ist die «Elternliebe» als Grundlage für alles Kulturelle. Was das mit Sam Keller zu tun hat, ist evident. Hören Sie ihm zu, wenn er über seine Eltern spricht; hören Sie sich an, wie er über ältere Menschen spricht. Etwa: «Ich habe das Glück, dass ich viel mit (interessanten) Menschen zu tun habe, die einiges älter sind als ich.» Oder was er über Ernst Beyeler sagt, nachdem er seine Nachfolge antrat, Zitat «So lange Ernst Beyeler lebte, war er mein wichtigster Partner».

Lieber Sam, ich gratuliere Dir von Herzen zu ganz vielem – heute aber im Speziellen zum Preis der Europäischen Kulturstiftung, Bereich Kultur.

 
< zurück